Kapitel 1: An Tagen wie diesen

Kapitel 1: An Tagen wie diesen

“Du bist nicht gut für mich. Ich will dich nie wieder sehen! Lass mich einfach in Ruhe, ein für allemal“ sagte er. Er hatte wieder die 180° Drehung hingelegt. Als hätte Jana einen anderen Menschen vor sich.

Er konnte sich innerhalb von Sekunden komplett verändern. Ohne Vorwarnung. Wie ein Chamäleon. Seine Wut war greifbar, so als wären sie und Dominic, von ihr “Nick” genannt, eine Person. Das lag an Janas verdammten Gefühlen. Erst einmal hatte sie einen Mann so sehr geliebt. Das war ewig her. Das zwischen Jana und Nick war schon immer so gewesen.

Sie waren wie Magneten.

Sie hätten gegensätzlicher nicht sein können. Das fing schon bei der Optik an: Jana war knapp 1,60 groß, Nick fast 2 Meter. Sie war ein heller Typ, blond und blauäugig, er hatte das Aussehen eines Südländers: Schwarze Haare, dunkelbraune Augen. Jana war kontaktfreudig, Nick introvertiert. Er hatte wenige Interessen, sie hatte unzählige Hobbys. Nick konnte Musik nicht leiden, Jana lebte für sie. Diese Liste ließ sich ewig fortsetzen.

Das Einzige, was sie vereinte, war ihre Tochter Marlene.

Sie konnte fühlen, was er durchmachte. Seinen ganzen Horror, seine Zerissenheit, seine fehlende Liebe zu sich selbst. Jana reagierte schon lange nicht mehr auf seine Angriffe. Sätze wie “ich will dich nie wieder sehen“ kannte sie. Er wollte sie verletzen und provozieren. Sie war für ihn, wenn er seine “Phasen” durchlebte, das personifizierte Böse, wollte ihm Schlechtes. Sie wusste, jedes einzelne Wort von ihr würde die Situation verschlimmern. Schon ein Blick konnte reichen.

Nick litt an einer Krankheit. Schizophrenie.

Für Jana gehörte er zur Familie. Er war ein Teil von Marlene, ebenso wie sie. Und sie wusste, wie sehr er seine Tochter liebte. Nur sie kannte ihn als Vater, nur sie sah die innigen Stunden, die die beiden gemeinsam verbrachten. Er konnte so anders sein.

Aber die Räuberprinzessin ging vor. Marlene brauchte eine Mutter, die für sie da war, die sie beschützte. Marlene war noch so klein, 4 Monate alt. Deswegen musste Nick gehen.

Er war ohnehin schon auf dem Sprung. Wie immer leicht den Kopf einziehend, als wolle er seine Größe verbergen, wandte er sich ab und schlurfte davon. Als wäre er nicht 27, sondern ein alter Mann.

“Scheiß auf ihn! Und scheiß auf Freunde bleiben!”, dachte Jana.

Sie dachte immer in Musik.

“Komm zurück, wenn du wieder normal bist!“ rief sie ihm nach. Sie ließ einen kurzen Moment die Verzweiflung zu, die sie wie einen alten Freund kannte. Dann wischte sie ungeduldig über ihre stahlblauen Augen, die jeder so mochte. Sie fuhr sich durch die blonden Haare und steckte ein paar Spangen fest, obwohl es gar nichts zu richten gab.

Dann atmete sie tief durch. “Idiot!“ dachte sie insbrünstig. “Es könnte alles gut sein. Wieso bist du nicht einfach ein ganz normaler Mann?

Solche Momente gab es seit einem Jahr ständig. Es brachte nichts, auf ihn einzureden, sich zu wehren oder mit ihm zu streiten. Wenn Nick so drauf war, nahm er nichts mehr wahr. Es war seine Krankheit. Ein Stoffwechselfehler im Gehirn. Mehr nicht.

Die Menschen konnten das nicht verstehen.

Es war leichter, eine Krankheit zu akzeptieren, wenn man sie “sehen” konnte. Psychische Krankheiten, darum machten alle einen Bogen. Doch es war eine Krankheit wie jede andere auch. Zuviel Dopamin in Nicks Fall.

“Gut, dass Marlene schläft,“ dachte Jana erleichtert. Nick hatte das erste Mal einen solchen Ausraster, als Marlene noch in ihrem Bauch war. Seitdem tat sie alles dafür, dass Marlene seine Aussetzer nicht mitbekam. Janas Selbstbeherrschung wurde jedesmal hart auf die Probe gestellt, denn ihre Emotionen fuhren Achterbahn, wenn Nick in seinen düsteren Phasen gefangen war.

Jana hatte keine Angst vor ihm, auch wenn er sehr einschüchternd wirken konnte. Sie wusste, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun würde. Es war Hilflosigkeit. Er war der einzige Mensch, der es schaffte, sie zum Weinen zu bringen.

„Mit steigendem Alter wird es schwierig werden, das vor Marlene zu verbergen.

Was soll ich nur tun?“, überlegte sie. Es musste etwas passieren. Es machte sie fertig, sie fühlte sich ohnmächtig. Vor allem, weil sie wusste, wie Nick sonst war. Die Liebe meinte es nicht gut mit ihr.

Jeder riet ihr, ihm den Kontakt zu seiner Tochter zu verbieten. Doch das lehnte sie entschieden ab. “Als es mir schlecht ging, was habe ich da gebraucht?“ fragte sie ihre Mutter einmal.

“Was denn, Jana?“

“Menschen, die für mich da waren. Familie. Ich war krank. Ihr habt mich nie im Stich gelassen. Nick hat niemanden. Seine Familie ist so weit weg. Ich lasse ihn nicht im Stich. Er ist ein wunderbarer Mensch.“

“Ich möchte nicht, dass Marlene und du leidet.“, sagte ihre Mutter.

“Marlene leidet mehr, wenn sie ihren Vater nicht kennen lernen kann.“

“Ich mache mir nur Sorgen. Du kannst ihn nicht retten“

“Ich weiß das, Mama. Wirklich. Aber da sein, das kann ich.“ sagte Jana.

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